Stern-Dreieck-Anlauf technisch fundiert: Anlaufstrom, Anlaufmoment, Umschaltstromspitze, Motorvoraussetzungen nach IEC 60034-8 und typische Auslegungsfehler.

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Warum Stern-Dreieck den Anlaufstrom auf ein Drittel reduziert

Die Wirkungsweise des Stern-Dreieck-Anlaufs lässt sich auf eine einfache Spannungsteilung zurückführen: In Sternschaltung liegt an jedem Wicklungsstrang nur die um den Faktor √3, also rund 0,58, reduzierte Strangspannung an. Aus 400 V verketteter Spannung werden so etwa 230 V pro Strang. Der Anlaufstrom sinkt dadurch auf ein Drittel des Werts gegenüber der Direkteinschaltung in Dreieck[1], ebenso die Leistungsaufnahme während der Sternphase[1].

Das Drehmoment der Asynchronmaschine ist proportional zum Quadrat der Strangspannung, wie die Kloss’sche Beziehung für das Kippmoment zeigt[2]. Mit der auf 0,58 reduzierten Strangspannung fällt damit auch das Anlaufmoment auf rund ein Drittel. Zum Vergleich: Beim Direktanlauf nimmt der natürliche Anlaufstrom das Sechs- bis Achtfache des Bemessungsstroms an[3]. Genau diese Reduktion ist der Zweck der Schaltung, sie ist zugleich ihre engste Grenze.

Anlaufmoment in Sternschaltung: Wann die Last zum Problem wird

  • Geeignet sind Lasten mit steigender Lastkennlinie und geringem Losbrechmoment, etwa Lüfter, Ventilatoren und Kreiselpumpen[1].
  • Problematisch sind Lasten mit hohem Losbrech- oder Lastmoment: Kompressoren, Verdrängerpumpen oder beladene Rührwerke benötigen bereits im Stillstand mehr als das reduzierte Anlaufmoment in Stern bietet.
  • In diesem Fall bleibt der Motor in der Sternphase stehen oder hängt auf niedriger Drehzahl fest, ohne die Nenndrehzahl zu erreichen.

Die Umschaltung auf Dreieck darf erst erfolgen, wenn der Motor etwa 75 bis 80 Prozent seiner Nenndrehzahl erreicht hat. Erfolgt sie früher, entsteht ein starker Stromstoß, und die Überstromschutzeinrichtungen können dennoch ansprechen[1]. Die korrekte Zuordnung von Schaltung und Motor beschreiben wir ausführlich im Artikel Stern oder Dreieck.

Voraussetzungen am Motor: Wicklungsauslegung und Klemmbrett nach IEC 60034-8

Der Stern-Dreieck-Anlauf setzt einen Motor voraus, dessen Wicklungsanschlüsse nicht intern verschaltet, sondern einzeln nach außen geführt sind: alle sechs Wicklungsenden U1, V1, W1, U2, V2 und W2 müssen am Klemmbrett zugänglich sein, mit den Klemmenbezeichnungen nach IEC 60034-8[1]. In der Praxis bedeutet das: Die Brücken im Anschlusskasten werden entfernt, das Sternschütz und das Dreieckschütz übernehmen die Verschaltung.

Entscheidend ist die Spannungsauslegung auf dem Typenschild. Für den Betrieb am 400-V-Netz muss der Motor in Dreieckschaltung mit 400 V betrieben werden können; die korrekte Bezeichnung lautet 400/690 V beziehungsweise Δ400/Y690 V[1]. Ein Motor mit 230/400 V auf dem Schild ist für Stern-Dreieck am 400-V-Netz ungeeignet, da die Wicklung in Dreieck nur 230 V verträgt. Für die Phasenfolge gilt: L1, L2 und L3 werden an U1, V1 und W1 angeschlossen, was den Rechtslauf ergibt.

Ab welcher Motorleistung Stern-Dreieck-Anlauf vorgeschrieben oder sinnvoll ist

  • Direkteinschaltung ist üblicherweise nur bis etwa 4 kW Motorleistung zulässig, sofern das Netz und die Anschlussleitungen den Anfahrstrom tragen können.
  • Oberhalb davon verlangen die Bestimmungen der Energieversorgungsunternehmen ein reduziertes Anlassverfahren; die Zulassung der Stern-Dreieck-Schaltung reicht je nach Versorger bis etwa 11 kW[1].
  • Oberhalb dieser Leistungsbereiche sind Stern-Dreieck, Softstarter oder Frequenzumrichter die geforderten Anlassverfahren.

Häufig übersehen wird die Dimensionierung der Schutzeinrichtungen: Sternschütz, Netz- und Dreieckschütz sowie das Überlastrelais sind nicht auf den vollen Motorbemessungsstrom auszulegen. Das Sternschütz wird mit dem Faktor 0,33, Netz- und Dreieckschütz sowie das Überlastrelais mit dem Faktor 0,58 des Motorbemessungsstroms bemessen[4]. Die Grundlagen zur Berechnung des Bemessungsstroms finden Sie in unserem Ratgeber Motorstrom berechnen.

Die Umschaltstromspitze: Ursache und wie sie den Anlaufstrom übersteigen kann

Die kritischste Phase des Verfahrens ist die Umschaltung von Stern auf Dreieck. Während der stromlosen Pause bleibt der Rotor gegenüber dem Drehfeld zurück, und sein magnetisches Feld induziert eine abklingende Restspannung in der Statorwicklung. Stehen beim Wiedereinschalten Netzphasen und Motorfeld in Opposition zueinander, entstehen Ausgleichsvorgänge, die eine Stromspitze erzeugen können, die über dem Anlaufstrom bei Dreieck-Direkteinschaltung liegt[1]. Der Umschaltstromfaktor, also das Verhältnis von Umschaltstromspitze zu Anlaufstromspitze, kann je nach Beschaltung der Außenleiter bis zum Zweifachen des Stromes bei Direkteinschaltung betragen[1].

  • Umschaltpause: Als Umschaltzeit werden mindestens 50 ms empfohlen, damit der Lichtbogen des Sternschützes vollständig zusammenbricht, bevor das Dreieckschütz zuschaltet[1].
  • Vorzugsschaltung: Die Verbindung der Außenleiter mit den Motorklemmen ist nicht beliebig. Je nach Beschaltung der Außenleiter zu den Wicklungen fällt die Umschaltstromspitze deutlich unterschiedlich aus; eine günstige Verschaltung hält sie klein, eine ungünstige kann sie bis zum Zweifachen des Direkteinschaltstroms treiben[1].

Schalthäufigkeit pro Stunde: Thermische Grenzen der Wicklung

Die Umschaltung sollte in der Nähe der Motornenndrehzahl erfolgen, da der Umschaltstrom sonst fast so groß wird wie bei einer Direkteinschaltung. Die physikalischen Zusammenhänge zwischen Schlupf, Läufererwärmung und Momentenkennlinie behandelt unser Fachartikel zum Schlupf beim Asynchronmotor. Für den Schutz der Wicklung gegen thermische Überlastung im Dauerbetrieb empfehlen wir zusätzlich PTC-Kaltleiter, die an ein geeignetes Auslösegerät anzuschließen sind; dazu mehr in unserem Beitrag zu thermisch geschützten Motoren.

Typische Auslegungsfehler bei der Motorauswahl

Aus den beschriebenen Mechanismen lassen sich die Fehler ableiten, die wir in der Antriebsauslegung am häufigsten beobachten. Sie entstehen selten aus mangelndem Grundwissen, sondern daraus, dass die Wechselwirkung zwischen Lastkennlinie, Schaltsequenz und Thermik nicht systematisch geprüft wird:

  1. Die Lastkennlinie wird nicht gegen die reduzierte Momentenkennlinie in Stern geprüft. Der Motor entwickelt nur ein Drittel des Anlaufmoments, erreicht bei Lasten mit hohem Losbrechmoment die Umschaltdrehzahl nicht und kippt oder bleibt in Stern hängen.
  2. Die Umschaltung erfolgt nicht im empfohlenen Drehzahlfenster: Zu früh erzeugt sie Stromspitzen, die die Schutzeinrichtungen auslösen, zu spät überlastet sie den Motor, der in Stern nur ein Drittel seiner Nennleistung abgeben kann[1].
  3. Die Phasenfolge am Dreieckschütz wird falsch verdrahtet. Werden zwei Phasen an beliebiger Stelle vertauscht, um die Drehrichtung zu ändern, kippt die Verschaltung automatisch von der günstigen in die ungünstige Variante, mit deutlich höherer Umschaltstromspitze[4].
  4. Schutzeinrichtungen werden auf den vollen Bemessungsstrom statt auf die Faktoren 0,33 beziehungsweise 0,58 dimensioniert und lösen im Normalbetrieb aus oder schützen nicht zuverlässig.

Stern-Dreieck ist damit nur eine Methode unter mehreren: Benötigt die Arbeitsmaschine ein erhöhtes Anlaufmoment oder ist eine hohe Schalthäufigkeit gefordert, sind Softstarter oder Frequenzumrichter die zuverlässigere Lösung, da sie reduzierte Stromaufnahme bei dennoch hohem Anlaufmoment ermöglichen[1]. Mindestens ebenso wichtig ist die Abstimmung von Motor, Getriebe und Bremse als kompletter Antriebsstrang aus einer Hand. ATEK Drive Solutions entwickelt und fertigt solche projektfertigen Antriebssysteme, von Servogetriebe und Planetengetriebe bis zu integrierten Motoren und Controllern, und reduziert damit Integrationsrisiko und Ausfallgefahr von Beginn an. Für den sanften Motoranlauf mit Schütztechnik ergänzt unser Ratgeber zum Stern-Dreieck-Schalter die Auslegungshinweise dieses Artikels.

Häufig gestellte Fragen

Wie stark reduziert der Stern-Dreieck-Anlauf den Anlaufstrom?

In Sternschaltung liegt an jedem Wicklungsstrang nur die um den Faktor 0,58 reduzierte Strangspannung an (400 V auf 230 V). Dadurch sinken Anlaufstrom und Anlaufmoment auf etwa ein Drittel der Werte, die beim direkten Einschalten in Dreieckschaltung auftreten, wo der Anlaufstrom das Vier- bis Achtfache des Nennstroms erreichen kann.

Wann darf von Stern auf Dreieck umgeschaltet werden?

Die Umschaltung sollte erst bei etwa 75 bis 80 Prozent der Nenndrehzahl erfolgen. Bei zu früher Umschaltung entsteht ein starker Stromstoß, weil der Motor noch nachbeschleunigen muss; Überstromschutzeinrichtungen können dann ansprechen und den Vorteil des Verfahrens zunichtemachen.

Welche Motoren eignen sich für den Stern-Dreieck-Anlauf?

Nur Motoren, deren drei Wicklungsstränge einzeln nach außen geführt sind, also alle sechs Klemmen U1/V1/W1/U2/V2/W2 nach IEC 60034-8 zugänglich sind. Zudem muss das Typenschild für den 400-V-Betrieb die Angabe 400/690 V (Dreieck 400 V, Stern 690 V) aufweisen, damit die Wicklungen im Dreiecksbetrieb die verkettete Spannung von 400 V sicher tragen.

Warum kann die Umschaltstromspitze höher sein als der Anlaufstrom beim Direktstart?

Während der stromlosen Umschaltpause läuft der Läufer gegenüber dem Drehfeld zurück und induziert eine abklingende Restspannung. Steht diese der Netzspannung vektoriell entgegen, entstehen Ausgleichsvorgänge, deren Stromspitze den Direktanlaufstrom übersteigen kann (Umschaltstromfaktor theoretisch bis 2). Eine Umschaltpause von mindestens 50 ms und die Vorzugsschaltung am Motorklemmbrett halten die Spitze klein.

Ab welcher Motorleistung ist Stern-Dreieck sinnvoll oder vorgeschrieben?

Bei Motorleistungen unter etwa 4 kW kommen Direkteinschaltung oder Sanftanlaufgeräte zur Anwendung. Oberhalb davon werden Stern-Dreieck, Anlasstransformator, Sanftanlasser oder Frequenzumrichter bevorzugt; die Bestimmungen der Energieversorger zum Direktanlauf sind ab 5,5 kW zu beachten, und die Zulassung der Stern-Dreieck-Schaltung ist je nach Versorger bis etwa 11 kW üblich.

Für welche Lasten eignet sich der Stern-Dreieck-Anlauf nicht?

Wegen des auf ein Drittel reduzierten Anlaufmoments eignet sich das Verfahren nur für leichte Anlaufbedingungen, also Lasten mit kleinem oder erst mit der Drehzahl steigendem Moment wie Lüfter und Kreiselpumpen. Bei Kompressoren, Verdrängerpumpen oder beladenen Rührwerken mit hohem Losbrechmoment bleibt der Motor in Stern hängen und kippt; hier sind Softstarter oder Frequenzumrichter die zuverlässige Lösung.

Wie oft darf ein Stern-Dreieck-Anlauf pro Stunde durchgeführt werden?

Eine pauschale Zahl gibt es nicht: In der Sternphase läuft der Motor mit hohem Schlupf, wodurch sich der Läufer stark erwärmt. Die zulässige Schalthäufigkeit ist daher motorspezifisch begrenzt und aus dem Datenblatt bzw. der Betriebsanleitung zu entnehmen; bei häufigen Startvorgängen verlängert der schonende Anlauf zwar die Lebensdauer des Antriebs, die thermische Grenze bleibt aber maßgebend.

Quellen

  1. de.wikipedia.org
  2. de.wikipedia.org
  3. elektropraktiker.de
  4. cache.industry.siemens.com
  5. ew.tu-darmstadt.de