Erfahren Sie, wie Elektromotoren mit Bremse sicher ausgelegt werden: Faustregeln zum Bremsmoment, Stopp-Kategorien (EN 60204-1) und ATEX-Vorgaben.

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Mechanische Federdruckbremsen als Fail-Safe-Standard

In der industriellen Antriebstechnik bestimmt die Zuverlässigkeit der Bremskomponente maßgeblich die funktionale Sicherheit von Maschinen und Gesamtanlagen. Bei der Auslegung elektrischer Antriebe mit Bremse hat sich die Federdruckbremse als dominierende Bauart etabliert. Ihr Funktionsprinzip folgt der Fail-Safe-Logik: Im stromlosen Zustand erzeugen integrierte Druckfedern die erforderliche Anpresskraft auf den Reibbelag, sodass die Bremse mechanisch geschlossen bleibt. Erst durch das Anlegen einer elektrischen Spannung baut eine elektromagnetische Spule ein Magnetfeld auf, das die Ankerscheibe gegen die Federkraft anzieht und die Bremse lüftet. Tritt ein plötzlicher Spannungsabfall, ein Kabelbruch oder eine Not-Aus-Abschaltung ein, fällt die Bremse ohne Fremdenergie unverzüglich ein.

Sicherheitsgerichtete Stillsetzung im Vergleich zum motorischen Bremsen

In modernen Antriebssträngen übernehmen Frequenzumrichter häufig das generatorische oder rekuperative Abbremsen des Motors. Dieses rein elektronische Bremsen ermöglicht einen verschleißfreien Verzögerungsvorgang, stößt jedoch bei sicherheitskritischen Anforderungen an normative und physikalische Grenzen. Ein stromlos geschalteter Umrichter kann kein statisches Haltemoment aufbringen, um schwebende Lasten gegen die Schwerkraft zu sichern. Gemäß den Vorgaben der europäischen Maschinenrichtlinie und der Norm ISO 13849-1 zur funktionalen Sicherheit reicht ein rein motorisches Abbremsen für den Personenschutz meist nicht aus, um ein gefordertes Performance Level (PL d oder PL e) ohne diversitäre mechanische Rückfallebene zu erreichen. Insbesondere bei Hubwerken, Vertikalachsen und schrägen Förderstrecken ist eine mechanische Federdruckbremse als sicherheitsgerichtetes Aktorbauteil zwingend erforderlich.

  • Ausfallsichere Haltefunktion: Sicheres Verriegeln der Motorwelle bei Spannungsunterbrechung und Stillstand.
  • Redundanz bei Not-Stopps: Mechanische Absicherung gegen unkontrolliertes Absacken vertikaler Massen bei Umrichterdefekt.
  • Kompakte Bauweise: Durch die direkte Integration auf dem B-Lagerschild des Motors entfallen zusätzliche Anbauteile, was den Montage- und Ausrichtaufwand gegenüber externen Bremskonstruktionen deutlich reduziert.

Als Systemanbieter für Antriebslösungen stimmt ATEK Drive Solutions Motorwicklungen, thermische Reserven und Bremsenmechanik passgenau aufeinander ab, um parasitäre Schwingungen und Schaltverzögerungen im mechanischen Antriebsstrang zu minimieren.

Auslegung des Bremsmoments: Halte- vs. Betriebsbremse

Vor der numerischen Dimensionierung des Bremsmoments müssen Konstrukteure das Einsatzprofil präzise klassifizieren. Hierbei ist grundlegend zwischen einer reinen Haltebremse und einer Betriebsbremse zu unterscheiden. Haltebremsen für Wellen werden erst bei bereits eingetretenem Motorstillstand aktiviert oder schließen lediglich bei Not-Halt-Ereignissen. Sie verrichten im Regelbetrieb praktisch keine Reibarbeit, unterliegen minimalem mechanischen Verschleiß und müssen primär für das statische Haltemoment ausgelegt werden. Eine Betriebsbremse im Maschinenbau hingegen verzögert die rotierenden und translatorischen Massen aus voller Drehzahl. Sie nimmt pro Bremszyklus kinetische Energie auf, wandelt diese in Reibungswärme um und unterliegt damit strengen thermischen Grenzen hinsichtlich der zulässigen Reibarbeit pro Schaltung.

Berechnungsgrundlagen und praxiserprobte Faustregeln

Das Motornennmoment M_N in Newtonmetern bildet die primäre Referenzgröße für die Auslegung und berechnet sich aus der Motorbemessungsleistung P_N in Kilowatt und der Nenndrehzahl n in Umdrehungen pro Minute nach der Formel M_N = (9550 * P_N) / n.[1] Für die Praxis gelten etablierte Richtwerte zur Festlegung des statischen Bemessungsbremsmoments M_Br bezogen auf M_N:

EinsatzfallEmpfohlenes Bremsmoment M_BrFunktionale Anforderung
Reine AuslaufbremsungM_Br >= 0,8 * M_NFaustregel: Das Bremsmoment entspricht mindestens 80 % des Antriebs-Bemessungsmoments, womit sich eine ausreichend rasche, aber noch relativ sanfte Auslaufbremsung ergibt.
Dynamische StandardanwendungM_Br ca. 1,5 * M_NZuverlässiges Verzögern wechselnder Massen mit ausreichender Drehmomentreserve gegen Schlupf.
Hubwerks- und VertikalbetriebM_Br ca. 2,0 * M_NFaustregel für den Hubbetrieb: Das Bremsmoment entspricht dem doppelten Bemessungsmoment des Antriebs, da etwa die Hälfte statisch zum Halten der Last verbraucht wird.

Liegt kein äußeres Lastmoment vor, entspricht das erforderliche Bremsmoment dem reinen Verzögerungsmoment M_a, das sich aus dem gesamten auf die Motorwelle reduzierten Massenträgheitsmoment J in kgm², der Drehzahl n in 1/min und der geforderten Verzögerungszeit t_a in Sekunden nach M_a = (J * n) / (9,55 * t_a) ergibt.[1] Ist das Massenträgheitsmoment unbekannt und liegt nur die Antriebsleistung fest, lässt sich das erforderliche Bremsmoment überschlägig aus Motorleistung P in kW und Drehzahl n bestimmen; zusätzlich ist ein Sicherheitsfaktor K ≥ 2 anzusetzen.[2] Ein zu groß gewähltes Bremsmoment führt zu harten Stoßbelastungen in Passfedernuten, Kupplungen und Getriebestufen, während eine unterdimensionierte Bremse thermisch überlastet wird, erhöhten Verschleiß zeigt und unzulässig lange Nachlaufwege verursacht.

Stopp-Kategorien nach EN 60204-1 für Antriebssysteme

Die elektrische Ausrüstung von Industriemaschinen unterliegt der harmonisierten Norm DIN EN 60204-1. Diese definiert drei unterschiedliche Stopp-Kategorien, die festlegen, wie ein Antriebsstrang in den sicheren Stillstand überführt wird. Die Wahl der Stopp-Kategorie entscheidet direkt darüber, ob eine mechanische Bremse zwingend im Sicherheitskreis eingebunden sein muss.

Stopp-KategorieEnergiezufuhr zum MotorVerzögerungsverfahrenMechanische Bremsenanforderung
Kategorie 0Sofortige Trennung (z. B. STO)Ungesteuertes Stillsetzen durch Auslauf oder sofortiges Einfallen der mechanischen BremseZwingend erforderlich bei gefordertem schnellen Halt oder bei vertikalen Lasten
Kategorie 1Verzögerung unter Energie, danach Abschaltung (z. B. SS1)Gesteuertes generatorisches Abbremsen über Umrichterrampe; Trennung der Energie erst im StillstandMechanische Bremse fällt im Stillstand als Haltebremse ein oder dient als Not-Bremse
Kategorie 2Bleibt dauerhaft aufgeschaltet (z. B. SS2 / SOS)Gesteuertes Abbremsen in den Stillstand; Motor bleibt im Stillstand geregelt und bestromtMechanische Bremse dient primär der statischen Parksicherung bei Anlagenabschaltung

Normativer Rahmen und Auslegung nach VDI 2241 Blatt 1

Für die sicherheitsgerichtete Konstruktion liefert die VDI-Richtlinie 2241 Blatt 1 einheitliche Begriffsdefinitionen, Bauartbeschreibungen und Berechnungsmethoden für schaltbare fremdbetätigte Reibkupplungen und Bremsen.[3] Sie dient als Grundlage, um Kenngrößen wie Schaltzeiten, Reibarbeit pro Schaltspiel und Wärmefluss zwischen Bremsrotor, Reibbelägen und Motorgehäuse analytisch nachzuweisen.

Wird in einer Sicherheitsarchitektur nach ISO 13849-1 ein Stopp der Kategorie 1 realisiert, überwacht eine Sicherheitssteuerung (z. B. mit Safe Stop 1, SS1) den geregelten Bremsvorgang. Unterschreitet die Drehzahl einen definierten Schwellenwert oder tritt ein Steuerungsfehler auf, fällt die mechanische Federdruckbremse sofort ein. Diese Kombination schont den mechanischen Bremsbelag im Normalbetrieb und garantiert im Notfall die geforderte Sicherheitsfunktion.

Umgebungsbedingungen: IP-Schutzarten und ATEX-Vorgaben

Bremsmotoren müssen elektrisch und mechanisch nach den Vorgaben der Normenreihe IEC 60034 (DIN EN 60034-1 / VDE 0530) ausgeführt sein, um Spannungs- und Frequenzschwankungen sowie thermischen Belastungen dauerhaft standzuhalten. Da die mechanische Bremse offene Reibpaarungen besitzt, stellen Umgebungsmedien wie Feuchtigkeit, abrasive Stäube, Öle oder Reinigungsmittel besondere Anforderungen an die Kapselung.

Schutzarten für industrielle Anwendungen und explosionsgefährdete Bereiche

Für den industriellen Innenbereich genügt in der Regel die Schutzart IP54. Im Außenbereich, in der Fördertechnik oder bei feuchter Umgebung sind Ausführungen in Schutzart IP55 oder IP66 zwingend erforderlich. Hierbei verhindern spezielle Wellendichtringe, geschlossene Klemmenkästen mit metrischen Verschraubungen sowie optionale Bremsabdeckhauben mit Dichtlippen das Eindringen von Wasser und Partikeln, die den Reibwert der Bremsbeläge verfälschen könnten.

In chemischen Anlagen, Silos, Mühlen oder Lackierstraßen entstehen explosionsfähige Atmosphären aus Gasen, Dämpfen oder Stäuben. In solchen Bereichen dürfen ausschließlich zertifizierte ATEX-Bremsmotoren gemäß der europäischen Richtlinie 2014/34/EU (ATEX) betrieben werden. Bei diesen Systemen müssen sowohl der Motor (Zündschutzarten wie druckfeste Kapselung Ex db oder erhöhte Sicherheit Ex eb) als auch die mechanische Bremse gegen Funkenbildung und unzulässige Oberflächentemperaturen nach ISO 80079-37 geschützt sein.

  • Auswahl der IP-Schutzart: Schutzart IP55 als industrieller Standard, Schutzart IP66 für Spritzwasser- und Waschanwendungen mit korrosionsgeschützten Reibblechen.
  • ATEX-Zonenzuordnung: Exakte Spezifikation der Gas- (Zonen 1, 2) und Staubzonen (Zonen 21, 22) sowie der Temperaturklasse (z. B. T4).
  • Thermische Schutzeinrichtungen: Kaltleiter-Temperaturfühler (PTC) oder PT100-Sensoren in Motorwicklung und Bremssattel zur Vermeidung thermischer Überlastung.

ATEK Drive Solutions entwickelt und fertigt maßgeschneiderte, projektfertige Lösungen für den kompletten Antriebsstrang. Durch die präzise Kombination von Motoren, Steuerungen, Getrieben und Sicherheitsbremsen aus einer Hand erhalten Konstrukteure mechanisch und elektrisch perfekt abgestimmte Antriebseinheiten für höchste Betriebssicherheit.

Häufig gestellte Fragen

Welches Bremsmoment benötigt ein Elektromotor mit Bremse?

Für eine reine Auslaufbremsung gilt als Faustregel ein Bremsmoment von mindestens 80 % des Motornennmoments (M_Br ≥ 0,8 × M_N). In Hubwerksanwendungen wird dagegen üblicherweise der Faktor 2 angesetzt, da rund die Hälfte des Moments statisch zum Halten der Last benötigt wird.

Warum ist eine zusätzliche mechanische Bremse am Elektromotor wichtig?

Motorisches Abbremsen kann oft kein ausreichendes Performance Level nach ISO 13849-1 für den Personenschutz bieten. Eine mechanische Federdruckbremse ist ein sicherheitsgerichtetes Bauteil, das im Not-Aus oder bei Stromausfall (Fail-Safe) mechanisch schließt und den Antrieb zuverlässig stillsetzt.

Was bedeutet Stopp-Kategorie 0 nach EN 60204-1?

Die Stopp-Kategorie 0 bezeichnet das ungesteuerte Stillsetzen eines Antriebs durch sofortige Trennung der Energiezufuhr. In diesem Fall greift unmittelbar die mechanische Halte- oder Betriebsbremse des Elektromotors ein, um die Anlage sicher zum Stehen zu bringen.

Welche Schutzart (IP) braucht ein Elektromotor im Freien?

Für raue Industrieumgebungen und den Außeneinsatz sind Elektromotoren mit Bremse üblicherweise mindestens nach IP54 oder IP55 ausgeführt. Dies schützt die Motor- und Bremskomponenten wirkungsvoll vor dem Eindringen von Staub und Spritzwasser.

Was ist der Unterschied zwischen Haltebremse und Betriebsbremse?

Eine Haltebremse wird in der Regel erst aktiv, wenn der Motor bereits zum Stillstand gekommen ist, um dessen Position zu sichern. Eine Betriebsbremse übernimmt dagegen aktive Verzögerungsarbeit aus der Drehung heraus und muss entsprechend thermisch für Verschleiß und Reibarbeit ausgelegt sein.

Quellen

  1. elektropraktiker.de
  2. keb-automation.com
  3. vdi.de